Bernhard Sekles

Bernhard Sekles (geboren am 20. März 1872 (feierte am 20. Juni) in Frankfurt am Main, gestorben am 8. Dezember 1934 in Frankfurt am Main). Seit seinem 16. Lebensjahr ist sein musikalisches Wirken mit dem Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt am Main verbunden. Zunächst studierte er dort, und zwar bei Engelbert Humperdinck Instrumentation, bei Iwan Knorr Komposition und bei Lazzaro Uzielli, einem Schüler Clara Schumanns, Klavier. Er war dann Kapellmeister an den Theatern Heidelberg und Mainz, bevor er 1896 an das Hoch'sche Konservatorium zurückkehrte, zunächst als Dozent für Musiktheorie und später auch für Komposition. 1923 folgte er seinem ehemaligen Lehrer Iwan Knorr auf den Posten des Direktors. 1928 gründete er dort – gegen heftigen Widerstand konservativer Kreise – die weltweit erste Jazzklasse überhaupt und berief den Kodály-Schüler Mátyás Seiber zu deren Leiter.

Anlässlich Sekles' 50. Geburtstags 1922 ehrte ihn sein Schüler Theodor W. Adorno (?) mit einer Laudatio: „... Er ist nicht jung geblieben, sondern recht eigentlich jung geworden in den dreiβig Jahren seines Wirkens. Die ersten Stücke, die von ihm bekannt wurden, »Capricen in Liedform«, zeigen ihn auf der Brahmsischen Seite, nicht auf der Wagnerischen, und haben schon jene schöne Ferne von aller Geschwollenheit und pathetischen Geste, die er weiterhin immer instinktsicherer zwischen die neudeutsche Epigonenmusik und sich legte, haben auch schon jene spielerische Ironie, hinter der er eine zage, heimatsüchtige und keusche Innerlichkeit sorglich versteckt. Viele der späteren Werke hat man um ihres farbigen, skurrilen, fremden Einschlags willen als „exotisch“ verstanden und missverstanden: seine Erfindung ist primär melodisch, nicht koloristisch; die Groteske ist ihm nicht irgendein Selbstzweck, sondern nur die Brücke, die seine Seele aus ihrer lyrischen Abgelöstheit hinüber in die Welt schlägt, um nicht im Abgrund zu versinken; seine Fremdheit endlich ist nicht artistisch bloß im Stil gelegen, sondern entspricht einfach der Fremdheit seines Wesens dem Außen gegenüber. Was bei ihm Entwicklung zu nennen wäre, ist nichts anderes als Entfaltung; darum nur trieb er seine Technik zu rücksichtsloser Höhe, um seinen menschlichen Kern rein herauszuschälen. So ist sein Schicksal ein echtes Lyrikerschicksal; als er im Stil Debussy begegnete und auf einmal „modern“ war, geschah es ohne Sprung, er drang zu sich durch, und es ist von seiner Persönlichkeit aus gesehen nur Zufall, daß der Zug der Zeit nach unverstellter Sachlichkeit mit seinem eigenen lyrischen Zuge sich traf.

Neben diesem kompositorischen Schaffen übt Sekles in Frankfurt eine ausgedehnte, äuβerst fruchtbare Lehrtätigkeit aus. Nicht nur seiner warmen Menschlichkeit wegen, die alles Technische mit Leben und Verantwortung erfüllt; auch um seiner klugen Methodik und sachlichen Strenge gegen alles Verblasene, Unorganische und Gemachte willen hängt die Frankfurter musikalische Jugend ihm an als ihrem Führer und Freund. Ihn selbst aber führt seine Berührung mit der Jugend zu den Quellen seines Wesens zurück: dem Jungsein in Sehnsucht und Singen. Er ist nie aus seinem Umkreis herausgetreten, aber hat diesen Umkreis immer weiter gelegt. Er hat sich nicht das Fremde unterjocht, aber ist sich treu geblieben. Und das ist viel.“

Dennoch: Bernhard Sekles war nicht „ein Mann der neuen Töne“. Seine Sache als Verantwortlicher für die Musikerziehung der jungen Generation war ein gutes, erprobtes handwerkliches Fundament, damit mochten sie dann machen, was sie wollten und konnten, zum Beispiel 1909 Anthony van Hoboken, er wurde Haydn-Forscher und stellte das Werkverzeichnis zusammen, seitdem werden Haydns Kompositionen mit „Hoboken ...“ zitiert.

1913 studierte Paul Hindemith bei Sekles. 1916 war es Waldemar von Baußnern, der zwar 1866 in Berlin geboren wurde, aber einer angesehenen Adelsfamilie entstammte, der Edlen von Baußnern, die ihre Wurzeln in Siebenbürgen hatte und deren Vertreter dort stets hohe Staatsstellungen innehatten. Die geschichtlichen Kriegswirrnisse des Jahres 1866 hatten den Vater von Berlin wieder nach Österreich-Ungarn verschlagen, so dass Waldemar seine Kindheit in Budapest, Kronstadt und Hermannstadt verbrachte und hier durch die Volksmusik dieser Landstriche auch erste nachhaltige musikalische Impulse erhielt. Später verliert sich die Verbindung zu seiner Heimat wieder, denn Baußnern studiert in Berlin und beginnt dann ein rastloses Leben und Schaffen, dessen Wirken an die bedeutendsten Musikstädte Deutschlands geknüpft ist, so als Dirigent des Mannheimer Musikvereins und der Dresdner Liedertafel, als Lehrer des Kölner Konservatoriums, als Direktor der Großherzoglichen Musikschule in Weimar und des Hochschen Konservatoriums in Frankfurt und schließlich als ständiger Sekretär und Kompositionslehrer an der Berliner Akademie der Künste. (Prof. Heinz Acker, Siebenbürgische Zeitung, 20.6.2010)

1919 studierten Theodor W. Adorno und Hans Rosbaud bei Bernhard Sekles, und in den 20ern Erich Itor Kahn (Kahn auch bei Baußnern). Sekles war ein Neuerer des Ermöglichens. Nachdem er 1924 Direktor des Hoch'schen Konservatoriums wird, eröffnet er die Opernschule. 1926 etabliert er ein Privatmusiklehrerseminar und eröffnet das »Konservatorium für Musikhörende«.

1931 richtet er Musikalische Früherziehungskurse ein. Zuvor, 1928, initiiert er, entgegen heftigen Protesten, die erste Jazzklasse weltweit. (In den USA fingen solche Kurse erst 1945 und 1947 an). Sekles übertrug die Leitung dieser Klasse dem in Ungarn geborenen Komponisten Mátyás Seiber. Völkisch-nationale Stimmen unterstellten Sekles mit diesem Schritt eine „frivole Verhöhnung der deutschen Musik“ (zit. n. Cahn 1979, S. 262).

Auf Empfehlung eines Berichts des „Ausschusses zur Reorganisation des Dr. Hoch’schen Konservatoriums“ von 10. April 1933 wurden die 14 jüdischen bzw. ausländischen Lehrkräfte des Hoch’schen Konservatoriums, darunter auch Sekles und Seiber, zum 31. August 1933 entlassen. Sekles starb am 8. Dezember 1934 an Lungentuberkulose. Seine Musik verschwand nach ihrem Verbot 1933 aus dem Musikleben und geriet in Vergessenheit.