Erwin Schulhoff

Erwin Schulhoff (geboren 8. Juni 1894 in Prag - gestorben am 18. August 1942 im KZ Wülzburg) stammte aus einer alten deutsch-jüdischen Prager Kaufmannsfamilie. Sein Uronkel Julius war ein bekannter Klaviervirtuose, seine Mutter, eine geborene Wolff, die Tochter eines am Theaterorchester in Frankfurt am Main beschäftigten Konzertmeisters. Bereits im Alter von 7 Jahren begann er auf Empfehlung Dvořáks mit dem privaten Klavierstudium bei Jindřich Kaan von Albest, dem damaligen Direktor des Prager Konservatoriums. Ein regelrechtes Klavierstudium begann Schulhoff 1904 am Prager Konservatorium bei J. Kaan und Josef Jiránek und setzte es 1906 an Hořáks Musikinstitut in Wien bei Willy Thern fort. Von 1907-10 studierte er in Leipzig bei Robert Teichmüller Klavier, bei Stephan Krehl Theorie und bei Max Reger Komposition. Nach einjähriger Pause, in der er "mit kolossalem Erfolg" seine erste Konzerttournee als Pianist absolvierte, ging er 1911 an die Musikhochschule in Köln zu Lazzaro Uzielli, der auch Bernhard Sekles' Klavierlehrer war, und Carl Friedberg (Klavier), Franz Bölsche (Kontrapunkt), Ewald Strasser (Instrumentation), Fritz Steinbach (Komposition und Dirigieren). Seine Studien schloß er 1913 in Köln ab und erhielt für seine ausgezeichneten Studienergebnisse den Wüllner-Preis. Im selben Jahr besuchte er Claude Debussy in Paris und nahm bei ihm mehrere Unterrichtsstunden, war jedoch mit dessen Unterrichtsmethode nicht zufrieden und verließ Paris bald und besuchte weiterhin die Klavierklasse von Carl Friedberg in Köln.

1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen, er machte zunächst Militärdienst in Böhmen, im Juni 1916 wurde er nach Debrecen versetzt, hier an der Ostfront erlitt er eine Handverletzung, 1917 erfroren ihm in Norditalien die Füße. Die Erlebnisse in diesem Weltkrieg machen ihn zum radikalen Gesellschaftskritiker. „Und mein Inneres? (…) Ich wurde Groteske, Burleske, ich wurde Humoreske (…). Und jetzt stehe ich am Eingange des Zukunftslandes, elend und trotzig!“, schreibt er am 2.12.1918 in seinem Tagebuch. Im ersten Nachkriegswinter komponiert Schulhoff die fünf Orchesterlieder Menschheit, op. 28, die er "dem Andenken des Menschen Karl Liebknecht! Verachtet und erschlagen im Januar 1919 von den Menschen" widmet.

Auch während des Krieges komponierte Schulhoff, schloss den ersten Verlagsvertrag mit dem Musikverlag Carl Hermann Jatho in Berlin ab und gewann 1918 den Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Preis für sein Streichquartett (diesen Preis gewann er 1913 schon einmal für sein Klavierspiel).

1919 zu seiner Schwester nach Dresden gezogen, lernte er dort die Maler Otto Dix, Lasar Segall, Alexander Neroslow, Otto Griebel, den Musiker Hermann Kutzbach und den Schriftsteller Theodor Däubler kennen und brachte seinen Freunden die Ideen des Berliner Dada nahe. Er gründete die Werkstatt der Zeit, die sich der Öffentlichkeit mit einer Reihe von Fortschrittskonzerten präsentierte. Schulhoff und Griebel organisierten im Saal des Dresdner Gewerbehauses eine dadaistische Soiree. Zu dieser Veranstaltung kamen so viele Besucher, dass die Polizei den überfüllten Saal sperren musste.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Saarbrücken und 1922 in Berlin (Schulhoff wurde in Berlin Mitglied der Novembergruppe; er spielte hier Werke Gravure sur bois de Conrad Felixmüller, 1924. von Erik Satie, Igor Strawinskij, Felix Petyrek, die von der Kritik als "zeitgenössisches Schreckensprogramm moderner Musikbolschewisten" betitelt wurden) ging er 1923 nach Prag zurück. 1924 war er beim Prager Festival der Neuen Musik mit seiner Sonate für Violine und Klavier aus dem Jahre 1923 erfolgreich. 1925 dirigierte Václav Talich mit der Tschechischen Philharmonie die Uraufführung des 2. Klavierkonzerts von 1923. Das Prager Zika-Kvartet, verstärkt durch Paul und Rudolf Hindemith, brachte in Donaueschingen 1924 das Streichsextett zur Uraufführung, seine Fünf Stücke für Streichquartett erlebten ihre Uraufführung durch das České Kvarteto am 8. August 1924 beim IGNM-Fest in Salzburg. In der Antikunst des Dadaismus sah er vor allem in seiner Dresdner und Berliner Zeit das „Zukunftsland“, gleichzeitig setzt er sich jedoch auch mit den kompositionstheoretischen Überlegungen der Zweiten Wiener Schule auseinander, er fühlt er sich von dem Konstruktivismus, der Expressivität und der harmonischen Freiheit der Schönberg-Schule angezogen.

„Die Mehrzahl der Kammermusikwerke entstand während einer ungemein produktiven Periode von 1923 bis 1930. Schulhoff sah durchaus noch Möglichkeiten, sich in den traditionellen Formen von Sonate und Streichquartett zu artikulieren und bei der thematischen Arbeit die Sonatenform, allerdings in einem modifizierten, eigenständig weiterentwickelten Typus zu verwenden. „Seine Violin- und Cello-Sonaten bilden jeweils ein monolithisches Ganzes, das einzelne Sätze miteinander verbindet und fest zusammenschließt.“ (Jozef Bek). Als Bindemittel dient ihm ein jeweils prägnantes Motiv, das als konstitutives, Einheit stiftendes Moment, als Keimzelle für alle weiteren horizontalen und vertikalen Entwicklungen fungiert. (Ingeborg Allihn)

Leben konnte er dennoch nicht von seinen Kompositionen. Als gefeierter Klaviervirtuose reiste er zu Konzerten, vor allem in Deutschland. Das Konzertieren aber hörte auf, als Hitler an die Macht kam. Seit den 30er Jahren lehrte Schulhoff zunächst noch Partiturspiel und Generalbass am Prager Konservatorium. Nachdem das Konservatorium aber in finanzielle Schwierigkeiten geriet, lebte er vorwiegend von den Tantiemen des Prager Radiojournals, die er bald ebenfalls verlor. Nach der Errichtung des "Protektorats Böhmen und Mähren" durfte er als Jude nicht mehr angestellt werden. Er arbeitete zunächst unter dem Pseudonym Franta Michálek für den Prager Rundfunk weiter, als auch dieses Pseudonym nicht mehr sicher war, schützte ihn sein Freund Jan Kaláb mit seinem Namen.

Schulhoff hatte sich um die sowjetische Staatsbürgerschaft beworben, die ihm im Mai 1941 gewährt wurde. Am 13. Juni erhielt er die Visa für die ganze Familie, doch es war schon zu spät für eine Übersiedlung, Hitler hatte die Sowjetunion überfallen. Am 23. Juni wurde Schulhoff zusammen mit seinem Sohn Peter in Prag interniert, beide wurden, vermutlich im Dezember, nach Wülzburg in Bayern deportiert. Erwin Schulhoff starb dort am 18. August 1942 an Tuberkulose.