Pavel Haas

Pavel Haas wurde am 21. Juni 1899 als Kind einer tschechisch-jüdischen Kaufmannsfamilie in der mährischen Metropole Brünn geboren, wo er aufwuchs und bis zu seiner Deportation nach Theresienstadt im Dezember 1941 lebte. Haas begann 1919 ein Musikstudium am Brünner Konservatorium; parallel dazu studierte er dort 1920-1922 in der Klasse Leoš Janáceks Sein persönlicher Stil entwickelte sich unter Einfluss seines Lehrers in der Verbindung neoklassizistischer Techniken Strawinskys mit einer sehr persönlichen Verwendung von Elementen des Jazz sowie der Melodik und Harmonik der böhmisch-mährischen Volks- und der Synagogalmusik. Janácek brachte seinen Schülern die höchst anspruchsvolle Melodik und Rhythmik der böhmisch-mährischen Volksmusik auch als Inspirationsquelle für musikalische Themengestaltung nahe; die musikalische Umsetzung des gesprochenen Wortes selbst, seiner melodisch-rhythmischen Elemente, ist im Werk von Pavel Haas nicht weniger ausgeprägt als bei Janácek, in dessen Stil sie ein essentielles Moment sind. Haas’ Musik ist geprägt von einer Mischung aus Witz, feiner Ironie, Tiefsinn und Eleganz, die vielfach herangezogen wurde, um auch ihn zu beschreiben - Charaktereigenschaften, die dann durch die Theresienstädter Internierung verdunkelt wurden.

Haas komponierte etwa 50 Jugendwerke, bevor die Sechs Liedern im Volkston (1919, 1938 für Orchester bearbeitet) zu seinem Opus 1 erklärte. Den selbstkritischen Umgang mit dem eigenen Komponieren bewahrte er auch in späteren Schaffensphasen: Von den etwa 50 Werken, die im Anschluss an sein op.1 entstanden, versah er lediglich 18 weitere mit einer Opuszahl. Eine aufgrund gesellschaftlicher Konventionen gescheiterte Liebesbeziehung bildet den biographischen Hintergrund für zwei Hauptwerke der Studienzeit: das Scherzo Triste op.5 für Orchester (1921) und Fata Morgana für Tenor und Klavierquintett auf Texte von Tagore (1923). Einen Höhepunkt im Schaffen der 20er Jahre markiert das Streichquartett Nr.2 op.7 "Von den Affenbergen" (1925), in dessen letzten Satz ("Wilde Nacht") er - erstmalig in der Quartettliteratur - einen Schlagzeupart integrierte. Die Kritik ließ die Innovation nicht ohne weiteres durchgehen, Haas legte daraufhin eine zweite Fassung ohne Schlagzeug vor. Für das Brünner Theater komponierte Haas einige Schauspielmusiken; für seinen Bruder Hugo, der als Schauspieler und Regisseur große Popularität genoss, entstanden mehrere Filmmusiken. Haas’ Begabung für die Bühne fand ihre wichtigste Umsetzung allerdings erst in der 1934-37 entstandenen, 1937 in Brünn mit großem Erfolg uraufgeführten, tragikomischen Oper Scharlatan nach dem in ein tschechisches Milieu verlegten Sujet des "Doktor Eisenbart". (Die Oper mußte nach dem Münchner Abkommen 1938 vom Spielplan genommen werden und erlebte danach ihre erste Bühnenaufführung 1999 beim Opernfestival im irischen Wexford.) Haas’ Begeisterung für das neue Medium Radio schlug sich 1931 in der Rundfunkouvertüre op.11 nieder.

Auf Drängen seiner Frau, der Ärztin Sonia Jacobsonová, und vom nachhaltigen Erfolg der Suite für Klavier op.13 (1935) ermutigt, verließ Haas 1935 das elterliche Geschäft, das er bis dahin geleitet hatte, um sich ausschließlich der Komposition zu widmen. Meisterwerke kammermusikalischen Schaffens der 30er Jahre sind das Streichquarttet Nr.3 op.15 (1938) und die Suite für Oboe und Klavier op.17 (1939). Eine 1940 begonnene Sinfonie konnte wegen der Deportation nach Theresienstadt nicht mehr zu Ende instrumentiert werden (von Zdenek Zouhar vollendet, erlebte sie ihre Uraufführung 1998 in Weimar). In Theresienstadt komponierte Haas bis Oktober 1944 mindestens acht Werke, von denen drei erhalten sind: die Vier Lieder nach chinesischer Poesie für Baß (Bariton/Mezzosopran) und Klavier (1944) - in seiner gleichermaßen schmerzvollen und verzweifelten wie immens kraftvollen Tonsprache eines der beeindruckendsten "späten" Werke des Komponisten und gleichzeitig sein letztes überliefertes -, Al Sefod ("Trauere nicht") für Männerchor auf Worte von David Shimoni (1942) sowie die Studie für Streichorchester (1943), die heute zu seinen meistgespielten Werken zählt. Sie überlebte dank der Initiative des ebenfalls in Theresienstadt internierten Dirigenten Karel Ančerl, der sie dort mehrfach aufgeführt hatte; das Partiturmanuskript war verlorengegangen, doch Ančerl gelang es nach dem Krieg, die Orchesterstimmen im Lager wiederzufinden.

Gemeinsam mit den Komponisten Hans Krása und Viktor Ullmann wurde Pavel Haas am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern umgebracht. (Quelle: Boosey & Hawkes)