Wolf von Aichelburg

Am 3. Januar 2012 jährte sich der Geburtstag des Schriftstellers und Dichters Wolf von Aichelburg zum 100. Mal. Geboren wurde er 1912 im dalmatinischen Pula, heute Kroatien. 1918 ließ sich die Familie in Herrmannstadt/Sibiu in Siebenbürgen nieder. Von 1928 bis 1934 studierte Aichelburg in Klausenburg/Cluj und Dijon Germanistik und Romanistik. Nach jahrelangem Aufenthalt in Westeuropa kehrte er 1939 in seine siebenbürgische Heimat zurück.

„Es ist ein tiefhängender, zum Greifen naher Sternenhimmel. Ein leichtes Berglüftchen erinnert daran, dass die Frühsommerabende im Gebirge erfrischend kühl sein können. Ein kleiner Mann mit mächtiger Silbermähne reckt erklärend die Hand in die Höhe, sternenwärts, der etwas größer gestaltete Lederhosenjunge mit schwarzer Haartolle gafft staunend das Lichtergewirr an. „Da, etwas unter der Ursa major, dem großen Bären oder Wagen gelegen, siehst du das Sternenbild der Jungfrau, darunter das geometrische Dreiecksgefüge des Kentaur, links davon die geschlängelte Linie des Skorpions.“ Der kleine, weise Mann ist Aichelburg, der Junge daneben das vor Wissensdurst, ehrfürchtigem Staunen und Abendkühle erschauernde Ich bin ich selbst [„Ich“, das ist Dr. Kurt Thomas Ziegler, von dem auch die nachfolgenden Zitate stammen. h.t.a.].

Und Grund zum Staunen gab es für mich einmal mehr: die traumwandlerische Sicherheit, mit der dieser Mensch des Schöngeistes, der Adept eines Brueghel und Leonardo, der Bewunderer der Zweiten Wiener Schule des dodekaphonischen Komponistenkleeblatts Schönberg, Berg und Webern, die Sternbilder aneinanderreihte, als wären es Verse von George oder Ungaretti. Später benützte er die akribisch genaue, astronomische Deskription, um den leichten Schwenk ins Esoterisch-Astrologische zu machen, wobei er, der Lyriker fast anakreontischer Wortopulenz, sich zur äußersten Nüchternheit der Interpretation seiner astrologischen Koordinatenüberschneidungen zwang - und dabei verblüffend stimmige Aussagen traf. Das war allerdings nur eine, eher nebensächliche, Fähigkeit und Facette dieses vielfach geschliffenen Wissensbrillanten, dieses polyglotten Polyhistors, der zum wichtigsten Zeitpunkt meines Menschwerdens – zwischen meinem 12. und 13. Lebensjahr – in mein Leben trat.“

In den 1950er Jahren war er schon einmal zur Zwangsarbeit für seine politische Überzeugung verurteilt worden. Doch auch unter der gleißenden Sonne der Donausteppe entstanden seine Gedichte, im täglichen Memorieren statt Aufnotieren - wie sonst wenn nicht auf den Schwingen der Dichtung konnte man sich den "Würgern" entziehen? Bei dem Schauprozess gegen die deutsche Schriftstellergruppe im Jahre 1959 wurde er wiederum verurteilt, diesmal zu 25 Jahren Zuchthaus. Im Jahre 1964 kam er aufgrund einer Generalamnestie für politische Häftlinge auf freien Fuß. „Bleich, strähnigen Haares und schäbig gekleidet stand er eines Abends in unserem Vorzimmer, zum letzten Mal aus kommunistischer Haft ausgespien, geknickt, aber nicht zermalmt oder, im Hemingwayschen Sinne „destroyed, but not defeated“, schreibt Ziegler.

1980 verließ Aichelburg Rumänien und übersiedelte nach Freiburg im Breisgau. „Im Zuge seiner Vergangenheitsbewältigung negierte Aichelburg während der letzten Jahre im freien Deutschland in zunehmendem Maße seine bald 60 verbrachten Jahre in Rumänien. Er verdrängte die vielfachen Demütigungen und Peinigungen, aber auch die Freundschaften und den dortigen Literaturbetrieb, immerhin Forum seiner ersten großen Veröffentlichungen. Dennoch errichtete er, neben dem evozierten Italien, Spanien, Israel, als Orten, wo der „Ölbaum“, die „Orange“ und die „Zypresse“ wächst, trotz allem auch für das, wahrscheinlich doch mehr, als er es wollte, ihn umklammernde Siebenbürgen und Rumänien kleine Denkmäler: „Am Schwarzen Meer“, „Barackenstadt“, „Siebenbürgischer Dorfturm“, wo neben dem scharf skizzierten Grauen der Verbannung doch auch Seelenerlebnisse seiner Sommeraufenthalte in „2. Mai“, Künstlerkolonie und Schwarzmeerrefugium Andersdenkender zugleich, erfühlt werden. Auch lässt er leise Wehmut ob zerfallender Kirchtürme deutscher Prägung in Siebenbürgen, allerdings ins Sinnieren über Weltzerfall und Todesallmacht ausgeweitet, anklingen.“ (K.Th.Ziegler)

„Es hat gewiss etwas Schicksalhaft-Zwangsläufiges, Psychologen würden vielleicht von self-fulfilling prophecy sprechen, dass Wolf von Aichelburg gerade beim Schwimmen in den windbewegten Wellen des so geliebten Mittelmeeres zu Tode kam. Was genau sich freilich in jenen Morgenstunden des 24. August 1994 vor der schroffen Felsenküste von Banalbufar ereignete, wird sich nicht mehr rekonstruieren lassen, doch ist es letztlich auch belanglos.

In einem Rundbrief an die dem Dichter Nahestehenden beschreibt Wolf Fruhtrunk, ein dem Verstorbenen eng verbundener Bekannter, die letzten Tage, die er zusammen mit Aichelburg verbringen durfte. Hier einige Passagen aus dem am 25. August 1994 verfassten Brief. "All seine letzten Tage, die ich das Glück hatte, mit ihm zu verbringen, von der Autofahrt Freiburg-Paris (Aichelburg lebte seit seiner Ausreise 1981 in Freiburg - Anm. K.K.) bis zu gestern morgen (gestern Morgen) in diesem abgelegenen, von ihm landschaftlich so überaus geliebten Teil der Welt, waren durchwegs von Heiterkeit und Fröhlichkeit durchzogen und fortwährendem Entzücken übertönt – dies von der unbedeutendsten Ameise bis zu der hier so vorherrschenden Sonne.

Um 8.30 Uhr, ich noch halb in Schlaf versunken, ging er aus dem Haus, um sich eine Wanderung bis auf die Spitze des auf beiliegender Karte abgebildeten Berges zu schenken. Kurz davor muss er ein Meeresbad genossen haben wollen. Er hatte seine Kleider wohlgeordnet in der Tragetasche einige Meter über dem Felsenufer liegen lassen und muss dann während des Schwimmens in einem allerdings bewegten Wasser seinen Tod gefunden haben. (...) Dort fand ich ihn am Nachmittag, 30 Meter vom Ufer von den Wellen sachte hin und her gespült. (...) Unser letztes Gespräch am Vorabend könnte ich mit seinen Worten so zusammenfassen: ‚Die Liebe sieht allein nur das Gute. " (Konrad Klein in der Siebenbürgischen Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2004, Seite 8)